Verstehen Deutsche wirklich Schweizerdeutsch? 🧐🇨🇭

„Du kannscht ruhig Schwiiiizertttütsch reden, ich verschschteh das schon!“, verkünden die Deutschen gerne und schnell. Leider stimmt es nicht in jedem Fall und nicht selten kriegt man dann doch unpassende Antworten auf Schweizerdeutsche Fragestellungen. Also, aufgepasst: Schweizerdeutsch ist mehr, als ein bisschen altmodisches und lustiges Fast-Deutsch! Sprachliche Missverständnisse kommen schnell und in den besten Familien vor – auch in unserer! 😉
Erster Kontakt mit Schweizerdeutsch
Ich wusste das nicht erst seit „Kallebob“, den ich auf Quizduell kennengelernt hatte. Tatsächlich hatte ich deshalb zu Beginn des binationalen Abenteuers ein bisschen Schiss und ehrlicherweise war ich anfangs überzeugt, dass dieser Deutsche bestimmt seiner Lebtage kein Schweizerdeutsch verstehen, geschweige denn sprechen würde; man weiss ja, wie das mit den Norddeutschen und dem Schweizerdeutschsprachgefühl ist…
Ich sollte mich jedoch gründlich täuschen: Er verstand sehr wohl und zwar sehr schnell sehr viel. Früh pickte er sich schon erste Schweizerdeutsche Lieblingsworte raus, um die dann exzessiv immer mal wieder rauszuhauen. Nicht immer 100% passend, aber mit einer doch sehr beeindruckenden Akkuranz. Und inzwischen ist Kallebob alias Auswanderluchs so weit integriert, dass er bereits die hochdeutschen Wörter falsch – oder sagen wir, zumindest schweizerisch anstatt deutsch – betont.
Sprachliche Unterschiede und damit Fallstricke in der Verständigung waren jedoch nicht nur zu Beginn unserer Beziehung vorhanden, sie existieren noch immer, nur haben sich die Probleme ein wenig in die Feinheiten der Sprache verlagert. Zu Beginn der Sprachkarriere Schweizerdeutsch sind die sprachlichen Mankos des Deutschen noch offensichtlich:
Es fehlt schlicht und ergreifend der Wortschatz. Die Schweizerinnen und Schweizer haben Worte, die versteht kein Deutscher, wenn er sie nicht kennt. Das weiss in der Schweiz eigentlich jedes Kind. Allerdings wird es einem im konkreten Fall dann meistens doch zu spät bewusst.
Missverständnisse
So hantierten wir beispielsweise eines Tages zusammen hektisch am heissen Backofen herum (der Auswanderluchs würde hier natürlich anmerken, „hektisch“ sei höchstens ich gewesen, aber das ist eine andere Geschichte). Ich nehme also meine Backware raus und will, dass der Deutsche das Gitter im Ofen verstellt, bevor ich mir an der heissen Gratinform (Auflaufform) noch definitiv die Finger verbrenne und weise ihn an: „Abe! Abe, nei, nöd ufe, abe, ABE!!“ („Runter! Runter, nein, nicht rauf, runter, RUNTER!!“).
Okay, war mir dann auch wieder klar, versteht kein Mensch, wenn er noch kaum Schweizerdeutsch gehört hat. „Ufe“ und „abe“, rauf und runter. „Hindere“ und „füre“, ist übrigens auch erst einmal komplett unverständlich, heisst nämlich „nach hinten“ und „nach vorne“. Diese Wortschatzlücke fanden wir ebenfalls in einer bereits brenzligen Situation heraus, nämlich beim Autofahren…
Oder: „Öppis“. Muss man einfach kennen, heisst nämlich „etwas“. Ich suchte also einst etwas in einem Koffer. Er: „Was suchst du denn?“ Ich: „Öppis!“ Er: „Was?“ Ich: „Ja, ebe: öppis!“ Er: „Was ist öppis?“ Ich: „Etwas!“ Er: „Hä?! Sagst du mir denn jetzt nicht, was öppis ist?“ Ich: „Doch! Öppis ist etwas!“ Diese Sprachschwierigkeiten konnten wir dann immerhin mit Humor nehmen, war schliesslich Ferien und bella Italia und dolce far niente an der Amalfiküste…
Dann gibt es aber – neben solchen klaren Fällen, bei denen einfach das Vokabular anders ist – noch die etwas fieseren Missverständnisse, man spricht von „falschen Freunden“, nämlich von richtiggehenden Übersetzungsfallen.
„Hier“, “dort“ oder “da“?
Ein schönes Beispiel, welches bei uns – auch nach Jahren! – immer wieder ein guter Aufhänger für einen kleinen Streit gibt: „Hier, dort, da„. Ersteres würde ich im Zürideutschen gar nicht gebrauchen, Zweiteres heisst bei uns anders, nämlich „det“ und Letzteres wird auf jeden Fall nicht gleich verwendet wie im Hochdeutschen:
„Da“ bedeutet für mich „in unmittelbarer Nähe“, also sehr nahe von mir, wohl gleichsam dem Deutschen „hier“. Klingt simpel und einfach begreifbar, wird uns aber in der Hitze des Gefechts heute oft noch zum Verhängnis: Er fragt: „Wo ist xy“, ich sage: „Da!“ und meine „hier!“. Er versteht „dort!“, rennt irgendwo hin und sucht vergebens. Ich denke entweder, „was macht der bloss?!“ oder „der hört mir nie zu!“ oder beides.
Und dann gibt es da auch noch diese sprachlichen Feinheiten, die dann wirklich Streit geben. Etwa, wenn ich in höflichster, respektvollster Zürcher Manier frage, „chasch du mir dänn no schnäll hälfe, bitte?“. Jeder Schweizer versteht sofort: Kannst du mir dann – also wenn du Zeit hast, es dir passt und genehm ist – noch schnell helfen, bitte?
Der Deutsche hingegen schnauzt zurück: „Doch nicht jetzt, du siehst ja, dass ich am xx machen bin!!“ Da hol‘ ich natürlich sofort Luft für eine kleine Grundsatzdiskussion, wenn mir nicht zufällig noch der Gedanke „Achtung, sprachliches Missverständnis“ in den Kopf schiesst!
Schweizerdeutsch ist mehr als ein Dialekt
Also merke: Schweizerdeutsch ist nicht einfach nur Deutsch in niedlich, manchmal liegen handfeste Unterschiede und echtes Missverständnispotenzial vor. Wenn es nur um die „Pfanne“ beim Kochen geht, hast du Glück – du willst als Deutscher etwa die Bratpfanne und kriegst von der Schweizerin unter Umständen den „Topf“.
Gerade zu Beginn einer Liebschaft oder im Geschäftsverkehr empfehle ich aber unbedingt, ein zweites Mal hinzuhören oder nachzufragen. Wenn du also einmal den Eindruck hast, dein Schweizer Gegenüber reagiere komisch, ist es gut möglich, dass ein sprachliches Missverständnis vorliegt oder dass du zumindest nicht ganz drus cho bisch – draus gekommen bist – du es also nicht ganz richtig verstanden hast. Nachfragen lohnt sich!
Und zu guter Letzt noch eine kleine Anekdote zum Nationalgetränk Ovomaltine. Merke: Es gibt kein, wirklich KEIN Restaurant in der Schweiz, in welchem du keine „Ovi“ (Achtung Aussprache: „Ofi“, nicht „Owi!“) erhältst.
Wenn du also ständig zu deiner heissen Milch anstatt Ovomaltine nur Caotina oder sonst ein braunes Pulver kriegst, liegt es wahrscheinlich daran, dass du fälschlicherweise immer „heisse Schokolade“, anstatt „heisse Ovi“ bestellst. Auch „heisse Schoggi“ macht es nicht besser. Denn: Ovi ist Ovi und Schoggi ist Schoggi…
Du siehst: Die Tiefen des Schweizer Wesens und dessen Sprache gilt es zu ergründen. Regelmässig beim Auswanderluchs reinlesen und reinhören hilft dabei! 🙂
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