Liebe Deutsche, wir müssen reden 😌🇩🇪

Gastbeitrag von Tensha
Liebe Deutsche, wir müssen reden. Und zwar über das Reden. Wir Schweizerinnen und Schweizer sind da nämlich ein bisschen gehemmt. Denn…
…man kann es drehen und wenden, wie man will, wenn wir mit euch reden, sprechen wir eine Fremdsprache und sind manchmal etwas unbeholfen. Das ist allerdings eine bittere Erkenntnis für uns und wir fühlen uns deshalb in sprachlicher Hinsicht (und manchmal auch sonst) ein bisschen unterlegen.
Um es an meinem Beispiel zu erklären: Ich musste 23 werden und ins Austauschjahr nach Spanien gehen, um dort mit Deutschen richtig viel in Kontakt zu kommen und zu merken, hey, die sprechen nicht wie wir das in den Schulbüchern und Romanen und der „Neuen Post“ lesen, die haben auch Dialekte und Redewendungen („ich dreh‘ am Rad!“ „Was drehst du?!“) und reden ganz schnell und ganz viel und, uff, Moment, lass mich auch mal zu Wort kommen…!
Aber wenn ich dann zu Wort kam, merkte ich, dass mir die Alltagssprache fehlte, mir Ehrenwort nicht auf Anhieb in den Sinn kommen wollte, wie ich Lavabo auf Hochdeutsch sagen könnte (Brünneli?! Schüttstei?! Ah, Waschbecken!) und dass ich lang und breit von meinem Natel erzählte (damals eine Innovation!) ohne zu merken, dass kein (deutscher) Mensch mich verstand.
„Mami, du redsch furchbars Hochdütsch!“
Nun ja, die Alltagsverständigung klappte natürlich trotzdem ganz ordeli. Viel ärgerlicher fand ich aber, dass ich auf Hochdeutsch nicht so lustig sein konnte, wie ich meine, es zu sein. Ich unterhalte schon mal eine kleine Gesellschaft auf Schwyzerdütsch mit ein paar Anekdöteli und Bonmots, aber, ui, auf Hochdeutsch, gelang mir das damals überhaupt nicht und wenn ich ehrlich bin, finde ich es auch heute noch gestelzt, wenn ich in Standarddeutsch Geschichten zum Besten gebe.
Und das, obwohl ich seit mehr als der Hälfte meines Lebens häufig und gerne deutsche Freunde habe, ich auch in meinem Geschäftsalltag zu einem Grossteil Standarddeutsch spreche und ich seit nunmehr sechs Jahren mit dem Auswanderluchs liiert und regelmässig in Deutschland bin.
Ich bin im Deutschen weniger wortgewandt und jaaaaa, ich habe diesen Schweizerdeutschakzent (ich warte nur auf den Tag, an dem unsere Tochter, der Gremlin, sich verschämt von mir wegdreht und sagt, läck, Maaami, du redsch eifach furchbars Hochdütsch!“).
(Anmerkung vom Auswanderluchs: Wird der Gremlin das nicht eher auf Hochdeutsdch sagen?! :D)
Okay, die Abendunterhalterin auf Standarddeutsch bin ich also nicht. Was mir ebenfalls schlechter gelingt auf Deutschdeutsch: So auszuflippen, dass ich Eindruck schinden könnte. Natürlich hören alle nur den schweizerdeutschen Singsang und finden das dann „süss“, was natürlich nicht hilft.
Und es kommt noch schlimmer: Weil wir euch Deutschen so gerne zuhören, von eurer Eloquenz beeindruckt sind und uns eben die Sprachspontanität oftmals etwas fehlt, erlauben wir uns auch nicht, euch zu unterbrechen und kommen damit oftmals gar nicht zu Wort. Ja, wir werden vielleicht sogar ein wenig schüüch (schüchtern).
Wenn ihr also was von uns erfahren möchtet, müsst ihr fragen – da freuen wir uns dann aber sehr darüber und räuspern uns und geben unser Bestes für korrekte Sätze in geschliffenem Standarddeutsch mit wahrscheinlich schwyzerdütschem Akzent.
Und wie läuft‘s sprachlich so mit dem Auswanderluchs?
So, dann noch die Quintessenz in Sachen Auswanderluchs und Tensha: Anfangs sprach ich schon nur Hochdeutsch, aber er musste auch ganz schnell ganz viel Schweizerdeutsch lernen, denn wenn ich verruckt (sauer) bin, dann mühe ich mich ganz sicher nicht in Standarddeutsch ab.
Dann schimpfe ich lieber in meiner Mutter- und seiner Fremdsprache; soll er doch selber schauen, wie er damit zurecht kommt, Hauptsache, ich kann meinem Ärger authentisch Luft machen…! Läuft bis anhin nicht so schlecht… 😉
Mit der Familie in NRW ist das natürlich anders, da spreche ich immer Standarddeutsch, denn es versteht mich sonst niemand. Langsam aber sicher sind jedoch auch sie gezwungen, das Schweizerdeutsche ins Ohr zu kriegen, denn unsere Tochter spricht in der Regel Schweizerdeutsch (auch wenn sie keine Gelegenheit auslässt, um zu sagen, „De Papi und ich sind ebe Tütschi und s Mami isch ebe Schwizerin!“).
In der Zwischenzeit weiss aber die Oma auch, dass das Büsi eine Katze ist und der Schwager, dass mit „so es Puff“ nichts Unsittliches, sondern nur eine Unordnung gemeint ist.
Mit der Bitte um Nachsicht
Wie auch immer, mini liebä Tütsche, ich ersuche um Nachsicht mit uns Schweizerinnen und Schweizern und um einem steten Gedanken im Hinterkopf: Die sind nicht einfach langsamer, sondern reden hier gerade nicht, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist und kramen in ihren Hirnzellen nach standarddeutschem Vokabular (und haben im schlimmsten Fall noch die Augen rollende Deutschlehrerin aus dem Gymnasium vor ihrem geistigen Auge…)
Und jetzt noch ganz ernsthaft: Es kann sein, dass wir Eidgenossen einen kleinen Komplex euch Deutschen gegenüber haben, weil wir uns aufgrund unseres eigenen Mankos in sprachlicher Hinsicht manchmal etwas überfahren fühlen.
Ich glaube aber, die jüngere Generation ist fitter in Standarddeutsch – sie werden mit deutschen Freundinnen und Freunden gross und dürfen heutzutage häufiger im Fernseher und auf YouTube Alltags-Hochdeutsch konsumieren, als wir das noch durften. Alles wird gut, wir sind am Aufholen. Bis dahin habt ihr Geduld mit uns, gäll?
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7 Responses
Cooler Artikel! Merci villmals fürs schriebe 😉
Ich als Dütscher habe ganz genau diesselbe Situation mit Schwiizerdütsch.
Spreche selbst seit meiner Einreise in die Schweiz Mundart, ausser wenn ich ausschliesslich mit Deutschen rede.
Bei mir ist es wirklich genau gleich, beispielsweise habe ich bereits einmal probiert eine Präsentation in Mundart zu halten.
Feedback: emotionlos, robotisch, unauthentisch. Tja ist eben nicht immer einfach aus dem Standarddeutsch in eine Fremdsprache zu wechseln, funktioniert also genauso gut in die andere Richtung 🙂
Danke für deine Gedanken.
Ich komme mir noch oft überfordert vor beim Schweizerdeutschen. Dem zu folgen und zu verstehen.
Ich hoffe das legt sich noch.
Schade das im Radio srf leider wenig echte mundart gesprochen wurde. Viel zu viel schweizer hochdeutsch, sonst wäre ich schon viel weiter beim Verstehen.
Danke für deinen Beitrag!
Hoi Enrico
Vielen Dank! Ich habe meiner Frau ausgerichtet, dass dir der Blogbeitrag gefallen hat. Sie freut sich sehr. 🙂
Das ging mir am Anfang genauso. Gerade Gruppengespräche haben mich am Anfang überfordert, aber das scheint normal zu sein.
Ich habe immer gerne Radio 24 gehört. Die sprechen meistens Mundart, also richtige Zürichschnurre 😀 In welcher Region lebst du? Vielleicht hörst du dir einen lokalen Radiosender?
Liebe Grüsse
Christian
Hallo Christian.
Noch bin in ich in D. Höre Abends bzw Nachts SRF 1.
Hallo Enrico
Du kannst Radio 24 auch in Deutschland hören. Hier ist der Link dazu: https://www.radio24.ch/player
Gruss
Christian
Toller Beitrag, habe mich super amüsiert! Ich als Schwabe verstehe die Verständigungsprobleme natürlich bestens!
Viele Grüße in die Schweiz
Vielen Dank und liebe Grüsse ins Schwabenland 🙂