Ein neues Leben in der Schweiz: Erfahrungsbericht eines deutschen Lehrers

Ein neues Leben in der Schweiz zu beginnen, ist für viele Deutsche ein reizvoller Gedanke. Aber wie fühlt es sich an, wirklich den Schritt zu wagen und zwischen Zürich, Genf und den malerischen Bergdörfern eine neue Heimat zu finden? In unserem heutigen Beitrag findest du den Erfahrungsbericht eines deutschen Lehrers in der Schweiz. Er bietet zudem wertvolle Tipps für alle, die mit dem Gedanken spielen, Deutschland den Rücken zu kehren und in der Schweiz einen Neuanfang zu starten.
Als deutscher Lehrer in der Schweiz arbeiten
Hallo Manuel, möchtest du dich kurz vorstellen und uns erzählen, was dich ursprünglich dazu inspiriert hat, als Lehrer zu arbeiten?
Ich bin 35 Jahre alt, komme aus der Nähe von St. Wendel im Saarland. Während meines Zivildienstes war ich Integrationshelfer in einer Schule und kam da auf den Geschmack, Lehrer zu werden. Ich habe meine Lieblingsfächer Biologie und Erdkunde auf Lehramt für Gymnasien und Gesamtschulen studiert. Zuletzt habe ich fünf Jahre an einer Gesamtschule in Bitburg unterrichtet, fast ausschließlich im gymnasialen Bereich.
Weshalb hast du dich dazu entschieden, in die Schweiz zu ziehen?
Da mein Bruder vor zehn Jahren nach Zürich gezogen ist, um dort zu arbeiten, kam ich schon vor einiger Zeit auf den Gedanken, dort hin zu ziehen. Allerdings wurde ich 2018 auf Lebenszeit verbeamtet, was den Gedanken erstmal in weite Ferne rückte. Als meine Freundin 2021 für ein Praktikum durch ihr Stipendium nach Zürich zog, war noch nicht klar, dass es langfristig sein sollte. Nach dem Praktikum verlängerte sie dort und wurde direkt übernommen.
Es gefiel ihr zu gut in Zürich. Die Fernbeziehung, die wir seit unserem Kennenlernen führten, wurde aber immer schwieriger durch die weitere Entfernung und irgendwann mussten wir uns entscheiden: Für die Beziehung, aber dann durch Zusammenzug oder getrennte Wege zu gehen. Zugegeben, es ist keine einfache Entscheidung gewesen, die Stelle zu kündigen, aber es gab dann kein Zurück mehr und ich freute mich sehr auf die neue Herausforderung und den Sprung in einen neuen Lebensabschnitt.
Anerkennung als Lehrer in der Schweiz
Wie verlief der Prozess der Anerkennung deiner Lehrerausbildung in der Schweiz, und welche Herausforderungen gab es dabei? War es schwierig für dich als Lehrer, hier einen Job zu erhalten?
Der Prozess der Anerkennung läuft immer noch, es kann leider bis zu vier Monate dauern, bis dieser abgeschlossen ist. Bedeutet in der Schweiz, dass man als Lehrer ohne Diplom arbeitet, also auch nur 80 % des eigentlichen Lohns erhält.
Um ehrlich zu sein, war es nicht schwer, eine Stelle hier zu finden. Ich habe mich Anfang Juni dieses Jahres erstmalig beworben, es waren zwar ungefähr 40 Bewerbungen, jedoch muss man sich wirklich an die Ausschreibungen auf der Website des Kantons halten, denn dort sind alle verfügbaren Stellen ausgeschrieben.
Als ich Mitte Juli dann zwei Schulen von der Website angeschrieben und mein Interesse bekundet habe, bekam ich innerhalb einer Woche sowohl die Möglichkeit für ein Bewerbungsgespräch über Videokonferenz als auch schon die Zusage von zwei Schulen. Gesagt werden muss aber, dass es sich nicht um ein Gymnasium handelt, sondern um eine Sekundarschule, ähnlich wie eine Realschule in Deutschland.
Herausforderungen als Lehrer in der Schweiz
Welche besonderen Herausforderungen begegnen dir beim Unterrichten in der Schweiz?
Es ist schon ein anderes System als in Deutschland. Bei genauem Hinsehen gibt es aber auch hier viele Gemeinsamkeiten. Da ich nun nicht gymnasial unterrichte, sondern an einer Sekundarschule als Klassenlehrperson, habe ich viel mehr Fächer, als die, die ich studiert habe. Das ist dann schon eine neue Herausforderung.
Es geht alles und man kann sich in alles reinfuchsen. Ich habe da auch sehr hilfsbereite und nette Kolleginnen und Kollegen, die wirklich sehr unterstützend sind. Das erleichtert mir den Wechsel ungemein. Sprachlich ist es manchmal auch schwierig, allerdings nur, wenn die Schüler zu schnell oder undeutlich reden.
Hast du Unterschiede in der Schülermentalität oder im Schülerverhalten zwischen Deutschland und der Schweiz bemerkt?
Ich glaube, verglichen mit Realschulen in Deutschland sind die Schüler ähnlich von ihrer Mentalität. Auch das Verhalten ist recht ähnlich. Ich glaube, das ist überall auf der Welt und in dem Alter ähnlich. Aber was tatsächlich ein wenig anders als in Deutschland ist, ist die Rolle und das Mitwirken der Eltern.
Die sind dann wirklich mehr auf Seiten der Lehrer und ein wenig strenger als in Deutschland. Man kann sich hier mehr darauf verlassen, dass die Eltern zuhause darauf achten, dass die Lehrer und die Schule unterstützt werden. Im Sinne der Schüler natürlich. Man zieht quasi an einem Strang. Das habe ich zuletzt in Deutschland immer mehr vermisst.
Alltag in der Schweiz
Wie unterscheidet sich das Alltagsleben in der Schweiz im Vergleich zu Deutschland?
Garnicht mal so viel, das hängt aber auch davon ab, wie man den Alltag gestaltet. Ich komme aus einem kleinen Dorf in der Nähe einer Kleinstadt. Hier in Zürich hat man viel mehr Möglichkeiten, die Lebensqualität ist schon enorm hoch. Ich glaube, was die Freizeitgestaltung und kulturelle Ereignisse angeht, hat man hier einfach ein anderes Level und viel mehr Möglichkeiten.
Was natürlich einmalig ist, ist die Nähe zu den Bergen und zu den zahlreichen Seen. Auch die Nähe zu Italien, Frankreich, Deutschland und Österreich ist ein Pluspunkt. Ich bin auch recht schnell in meiner Heimat, was für mich als heimatverbundener Mensch ein Riesen Vorteil ist.
Wie wurdest du von den Einheimischen aufgenommen? Gab es spezielle Herausforderungen oder positive Erlebnisse bei deiner Integration in die schweizerische Gemeinschaft? Fühlst du dich willkommen?
Ich habe bisher vor allem mit den Kollegen und der Nachbarn zu tun, die Einheimische sind. Die meisten Bekannten und Freunde hier in Zürich bzw der Schweiz sind Deutsche, sogar aus meiner Heimat. Aber grundsätzlich wurde ich positiv überrascht. Man hört viel von den deutschlandfeindlichen Schweizern.
Da habe ich bisher zum Glück noch fast keine Erfahrungen gemacht. Die Kollegen sind wirklich sehr nett und hilfsbereit, ich wurde schon zur ersten Grillfeier eines Kollegen eingeladen, noch bevor ich überhaupt richtig in die Schweiz gezogen bin, also quasi kurz nach der Zusage der Stelle.
Bubble von deutschen Auswanderern
Das war wirklich ein schönes Gefühl, vor allem, da ich noch Niemanden aus dem Kollegium kannte. Am Anfang ist es doch recht viel, wenn man in die Schweiz zieht. Das muss alles erstmal sacken und man muss sich ein wenig eingewöhnen, dann werde ich auch versuchen, mich mehr mit Einheimischen und der Kultur anzufreunden.
Man muss das schon aktiv betreiben, da man sonst in einer Bubble von deutschen Auswanderern bleibt, was ich schade fände. Natürlich ist es einfacher, wenn man schon den ein oder anderen Schweizer kennt und so in Freundes- Bekanntenkreise gerät. Ansonsten ist es wie überall in der Welt erstmal schwer, die ersten Schritte zu machen. Aber wohl fühle ich mich in der Schweiz allemal.
Überraschendes der schweizerischen Kultur
Was war das Überraschendste oder Unerwartetste, das du in Bezug auf die schweizerische Kultur entdeckt hast?
Einerseits Ähnlichkeiten des Dialekts zu unserem Dialekt, Wörter, aber auch Grammatik, andererseits auch vollkommen andere Wörter. Was ich z.B. überraschend finde, ist die Art und Weise, Altpapier zu trennen/Sammeln. Allgemein, dass alles sehr genau festgelegt ist und auch kontrolliert wird. In Bezug auf die Schule ist es erstaunlich, wie gut ausgestattet und finanziell aufgestellt diese ist. Das ist schon eine (positive) Umstellung zu vorher 🙂
Was vermisst du am meisten aus Deutschland?
Natürlich die Nähe zu meiner Familie und zu Freunden. Das relativiert sich dadurch, dass ich doch recht oft am Wochenende oder in den Ferien in die Heimat fahre. Zudem vermisse ich Drogeriemärkte, wie sie in Deutschland zu finden sind. Auch, dass man auf Autobahnen schneller als 120 fahren darf, vermisse ich hier manchmal 🙂
Was kann Deutschland von der Schweiz lernen?
Ich denke, Deutschland kann von der Schweiz lernen, ein wenig konservativer bzw. traditioneller zu denken. Ein wenig mehr an das eigene Land und das eigene Wohl zu denken. Das gefällt mir hier schon sehr gut, ehrlich gesagt. Zudem hat hier die Geiz ist Geil Mentalität nicht so gewütet wie in Deutschland.
Ja, einiges ist schon teurer, aber dafür ist die Qualität auch besser. Die Schweiz ist nicht umsonst weltweit bekannt für kulinarische oder auch technische Raffinessen. In Deutschland sollte man auch wieder mehr Wert auf sowas legen.
Gibt es auch etwas, was die Schweiz von Deutschland lernen kann?
Es gibt mit Sicherheit auch Dinge, die die Schweiz umgekehrt von Deutschland lernen kann. Beispielsweise fällt mir da ein, dass neue Eltern in Deutschland viel mehr Elternzeit bekommen, da ist die Schweiz schon noch nicht ganz soweit. Kündigungsschutz ist anscheinend auch nicht ganz so stark wie in Deutschland.
Tipps für deutsche Auswanderer
Welche Tipps und Ratschläge, sowohl praktischer als auch kultureller Art, würdest du anderen geben, die darüber nachdenken, von Deutschland in die Schweiz zu ziehen?
Auf jeden Fall, falls Ihr auch als Lehrer hier arbeiten wollt: Bereitet alles schon ein wenig länger vor, damit es nicht allzuviel auf einmal wird. Das ging bei mir doch sehr schnell. Das Wichtigste ist: Sich um eine Wohnung kümmern. Das ist der allererste Schritt.
Du hast da ja einen Leitfaden erstellt, wie man hier am besten vorgeht. Ich war da am Anfang schon ein wenig überfordert, wieviel administrative Dinge man in kürzester Zeit erledigen muss. Daher mein Tipp: ein bisschen mehr Zeit einplanen als einen Monat. Es klappt auch so, aber es geht sicher ein bisschen weniger stressig.
Abschließend kann ich sagen: Ich bereue meine Entscheidung bisher nicht. Ich bin sehr glücklich über meine Entscheidung. Nicht nur, dass ich mit meiner Partnerin endlich zusammenlebe, was wirklich sehr schön ist, sondern auch durch das Leben in der Schweiz. Ich kann es wirklich empfehlen bisher.
Du möchtest mehr über Manuels Auswanderung erfahren? Hier das ausführliche Videointerview mit ihm:
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One Response
Hallo Christian, hallo Manuel,
vielen Dank für dieses tolle Interview. Euer Gespräch war sehr informativ und von einer sehr angenehmen Atmosphäre geprägt, einfach super!
Kurz zu mir: Als Lehrer mit vier Jahren Berufserfahrung (ENG, SP, DaZ) und Freunden in Zürich und Winterthur, überlege ich ebenfalls in die Schweiz zu ziehen und dort zu arbeiten.
Eine EDK Anerkennung für das Fach Englisch liegt bereits vor. Im Fach Sport muss noch eine Ausgleichsmaßnahme von 8ECTS erbracht werden. DaZ benötigt keine Anerkennung und soll laut EDK bei der Bewerbung mit angegeben werden. (DaZ ist hoch gefragt, jedoch meist nicht an gymnasialen Maturitätsschulen oder?)
Daher würde ich mir sehr gerne einen zweiten Teil eures Gesprächs wünschen. Für mich und sicherlich auch andere Lehrkräfte wäre es sehr interessant mehr über den Arbeitsalltag (Arbeitszeiten, Stundendeputat etc.) zu erfahren, ggf. Neuerungen zu Manuels Leben in der Schweiz und tatsächlich einigen Detailfragen, wie zum Beispiel der Lohneinstufung aufgrund aufgrund der vorherigen Berufserfahrung.
Diese und weitere Fragen, welche ich auch gerne bereit wäre auszuformulieren, fände ich sehr interessant. Bestimmt würde es sich sehr gut eignen diese Informationen mit einigen Screenshots (Stundentafeln, Lehrpläne, Formular Erfahrungsstufen, Lohntabellen etc.) exemplarisch abzubilden.
Das wäre sicher ein großer Zugewinn für interessierte Lehrkräfte aus dem deutschsprachigen Ausland.
Daher würde es mich sehr freuen, wenn ihr beide nochmals vor die Kamera tretet. 🙂
Erneut vielen Dank und alles Gute!
Freundliche Grüsse
Josef