Deutsche Direktheit & Schweizer Harmonie

Kürzlich auf YouTube vom Auswanderluchs: Er sagt, zu direkte Kommunikation komme in der Schweiz nicht gut an. Mindestens eine Antwort bezeugt, dass das für einige Deutsche eine wichtige Information ist. Man kann ja mit solchen Hinweisen aus erster Hand tatsächlich machen, was man will. Ich würde es an deutscher Stelle einfach dankbar als Input annehmen und mein eigenes Verhalten reflektieren. Aber selbstverständlich kann man auch der Ansicht sein, es sei ja wohl „unfreundlicher, wenn man nicht direkt sagt, was Fakt ist, und man Zeit und Energie in Ratespielchen investieren muss.“
Gastbeitrag von Tensha
Okay, wenn ich jetzt deutsch wäre, würde ich nun schreiben, „ich werde es dir nochmals erklären, damit auch du es verstehst“. Als Schweizerin schreibe ich aber „vielleicht habe ich mich nicht klar genug ausgedrückt, ich habe das so und so gemeint“. Wer findet den Unterschied? Genau: Man sagt ja mit der einen Aussage relativ unumwunden, das Gegenüber sei ein „Dubel“ (Idiot). Mit der zweiten Aussage hingegen nimmt man einen Teil der „Schuld“ für das Missverständnis auf sich.
Schweizer Harmonie
Und genau darum geht es. Die Schweizerin ist gemeinhin auf Harmonie und Kooperation aus. Der Deutsche agiert gerne mal nach dem Prinzip Angriff oder Flucht. Kann man machen, wird aber dazu führen, dass er enttäuscht sein wird über die Schweizerinnen und Schweizer und überhaupt über das Leben in der Schweiz.

Ein bisschen Feingefühl erwarten wir nämlich schon hier. Und sonst gibt’s halt keine Einladung zum nächsten Apéro. Seht ihr, ich kann das schon auch mit der direkten Ansage. Gibt es aber erst als ultima ratio – wenn gar nichts anderes mehr geht. Bevor das eintritt, gibt es aber in der Schweiz in der Regel einige Versuche, die Kommunikation so zu gestalten, dass der andere die Gelegenheit hat, die Konversation weiterzuführen, ohne dass er das Gesicht verliert. Und ja, dazu gehören halt ein paar Floskeln, Redewendungen und besondere Satzgestaltungen. Da muss man sich als Deutscher reinhören und am besten einfach mitmachen.
Deutsche Direktheit in der Schweiz
Wir Schweizer/innen benutzen etwa für Freundlichkeiten oder Anfragen gerne den Konjunktiv: „Chönntsch mer bitte de Anke geh?“ (Könntest du mir bitte die Butter geben?) Oder wir stellen Fragen: „Wämmer no schnäll wäg de Ferie bespräche?“ (Wollen wir noch schnell wegen dem Urlaub reden?) Oder wir tasten ab. „Falls ihr vorbeikommen möchtet, ich denke, wir wären mehr oder weniger zuhause am Sonntag.“
Wenn dann auf die erste Frage zurückkommt „nö“ und auf die zweite „nicht jetzt“ und auf die dritte – vielleicht noch mit möchtegernwitzigem Unterton „ja, wäre schon gut, wenn ihr dann auch zuhause wärt!!“, dann haben wir Schweizer/innen – wie es ein Mitglieder der Schweizer Regierung unlängst vor laufenden Kamera ausdrückte „käi Luscht“, keine Lust mehr. Denn übersetzt auf Deutsch-Deutsch heissen die drei Aussagen: „Gib mir mal die Butter rüber!“, „Setz dich hin, wir besprechen jetzt den Urlaub!“ und „Kommt am Sonntag rüber!“.
Nun wissen wir Schweizer ja um des Deutschen Direktheit, passen uns da und dort an, nehmen dieses und jenes nicht allzu persönlich und versuchen, nicht betupft zu sein. Langfristig werden wir aber zu dieser Art von Kommunikation mit eingewanderten Deutschen sagen „rutsch mer doch de Buggel ab“ (du kannst mich mal) und uns zurückziehen. So läuft das hier. Was dann wiederum auch für Deutsche deutlich genug sein kann.
Unterschiede zwischen Deutschen und Schweizern
Deshalb: Was der Auswanderluchs erzählt, hat er am eigenen Leib erfahren mit einer Bande von Schweizerinnen und Schweizern die noch Ernst machen mit diesen Gepflogenheiten und alles, was er schreibt, wird von einer Urschweizerin gegengelesen und notfalls korrigiert. Und wenn ich etwas versichern kann, dann ist es, dass viele Schweizerinnen und Schweizer oft mehr Wert auf Umgangsformen, Floskeln und den richtigen Ton in der Kommunikation legen, als man das in Deutschland gewohnt ist. Wir hören unter Schweizern auch mal auch zwischen den Sätzen und beim Tonfall Informationen aus dem Gesagten raus. Wenn man in der Schweiz aufwächst lernt man das von klein auf.
Für uns ist es kein „Ratespielchen“, wenn wir in heiklen Situationen etwas indirekter kommunizieren. Es sind Codes, die man für ein angenehmes Leben unter Schweizerinnen und Schweizern besser verstehen sollte, denn ich das mal so direkt sagen darf. So etwa das langgezogene „aaaalso…“, was ich an dieser Stelle sagen würde: Steht für: Lass uns zu einem Ende kommen, ich muss weiter.
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4 Responses
Ich finde der Text liest sich extrem unangenehm und arg einseitig. Es kommt mir so vor als wäre die Schweizer Art zu Kommunizieren die einzig richtige und überhaubt alle Deutschen über einen Kamm zu scheren halte ich für grob fahrlässig, da es zwischen den Bundesländern teilweise massive unterschiede gibt. Der Text fungiert in meinen Augen als Abschreckung für einen Besuch in die schöne Schweiz, von Auswandern möchte ich da gar nicht erst sprechen. Bewusste Übertreibung: So viele Steuern kann ich gar nicht sparen, um so eine Denkweise ertragen zu können. Aber Spaß bei Seite, ich finde es sehr schade da ich alle Schweizer die ich bis jetzt kennengelernt habe als extrem sympathisch wahrgenommen habe und die Person die den Text geschrieben hat meiner Meinung nach nicht repräsentativ für den Schweizer Bürger ist.
Liebe Grüße
Der Text ist etwas schärfer geschrieben, aber eine abschreckende Wirkung wollte die Schreiberin selbstverständlich nicht erzielen.
Beste Grüsse
Christian
Hallo Christian,
ich komme aus BaWü und würde tatsächlich die Mail mit dem Hinweis auf den Fehler wie deine Schweizer Gattin schreiben.
Ich habe 18 Monate in Münster studiert und muss ehrlich sagen, dass ich die Westfalen als ruppig und unhöflich empfunden und dort auf längere Sicht nicht glücklich war, sondern eher froh wieder in Süddeutschland zu sein.
Viele Grüße Ulrike
Hallo Ulrike
Danke für deinen Einblick. Es ist wirklich faszinierend, wie unterschiedlich die kulturellen Unterschiede innerhalb Deutschlands sein können. Deine Erfahrungen in Münster klingen herausfordernd, und es ist verständlich, dass du dich in Süddeutschland wohler fühlst.
Viele Grüsse
Christian