Carsharing in der Schweiz 🇨🇭🚙

Gastbeitrag von Tensha
Liebe Deutsche, heute erzähle ich euch als Autonation etwas ganz Verrücktes: In der Schweiz ist das Auto viel weniger Statussymbol als ihr euch überhaupt vorstellen könnt und Car Sharing – „Mobility“ – sogar salonfähig!
Selbstverständlich machen wir trotzdem Witze über die knallroten Mobility-Karren und ihre Hobby-Fahrer/innen: Mobility-Fahrerinnen und -Fahrer schleichen beim ersten Schneefall nur noch mit 25km/h über die Landstrassen, säbeln mindestens zehnmal hin und her, um den gemieteten Klein(st)wagen in einen Familienparkplatz reinzukriegen und fahren im Zweifelsfall linksherum in den Kreisel rein… Soweit die Vorurteile gegenüber Mobility-Nutzerinnen und Nutzern. Und ja, ich darf solche Gerüchte kolportieren, denn ich war mehrere Jahre selber autolos, hatte „lediglich“ die Mobility-Karte als Tor zur grenzenlosen Freiheit auf vier Rädern und…
…fand es nach früherem jahrelangen Naserümpfen über Mobility: Grossartig!
Autofrei werden
Wie das Umsteigen auf „ohne Auto“ war? Nun… Ich gab mich meinen rationalen Schweizer Freundinnen und Freunden gegenüber natürlich abgeklärt: „Weisst du, mitten in der Stadt Zürich macht ein eigenes Auto keinen Sinn, sondern nur unnötige Kosten. Versicherungen, Service, Parkplatz – alles viel zu teuer für die paar wenigen Male, die ich den Wagen wirklich brauche!“ Alles nickte zustimmend.
Und innerlich? Ich gebe zu – aber nur, weil das hier von mit Autoliebe erfüllten Deutschen gelesen wird – der Gedanke daran, kein eigenes Auto mehr zu haben und regelmässig in eine Karre zu steigen, die weder mir gehört, noch meinem Geschmack entspricht, hat mich erst einmal komplett abgeturnt. Denn:
Habe ich mich mit meinen früheren Autos identifiziert? Ja.
Hatten sie sogar Namen wie Amélie oder Melchior? Vielleicht.
Fürchtete ich mich vor dem Verlust des sozialen Ansehens? Wahrscheinlich!
Also, ich fand es erst einmal unsexy und gruselig, fortan mit Autos zu fahren, welche unzählige andere Leute vor mir schon benutzten. Dies sollte jedoch nicht mein grösstes Problem werden, aber dazu später. Ich verhökerte also sehr schweren Herzens meinen getunten, schwarzen VW Beetle (Jugendsünde!), meldete mich bei Mobility an und bekam einen kreditkartengrossen „Schlüssel“ für unzählige Autos in allen Variationen in nächster Nähe. Die Auswahl in meiner unmittelbaren Nachbarschaft war unglaublich und tröstete mich schon einmal über den Verlust meines eigenen Autos hinweg. Aber es sollte noch besser kommen: Ich begann, mein Mobility-Abo zu lieben!
Zwar wollte an Sonn- und Feiertagen früh geplant werden, wann ein Auto benötigt wurde, was zu Einbussen in der Spontanität führten. Aber mit ein bisschen Organisation war alles zu haben: Der Kombi für den Grosseinkauf von Balkonpflanzen, der Van für den Umzug, den Cabrio-Mini (schwarz, nicht Mobility-rot!!), um den Auswanderluchs bei seinen ersten Besuchen in der Schweiz mit unserer coolen Auto-Möglichkeiten hier zu beeindrucken.
Mobility – wie funktioniert‘s?
Ich weiss nicht, wie viele ich an dieser Stelle noch auf meiner Mobility-Reise dabei habe, aber spätestens jetzt will der geneigte Leser und die sparsame Deutsche sicherlich wissen, wie das System funktioniert und vor allem, was es kostet. Also: Man meldet sich bei Mobility an, lädt die App herunter, gibt Datum, Zeit und Autokategorie ein und schon erhält man eine Auswahl an verfügbaren Autos im nächsten Umkreis, aus welchen ausgesucht werden kann. Dann spaziert man lässig zum Auto, hält die „Kreditkarte“ an die Windschutzscheibe und fährt los.
Gut. Und das ist dann möglicherweise auch der Moment, in welchem Probleme beginnen – bei mir war das jedenfalls der Fall: Geschaltet, automatisch, halbautomatisch. Mit Schlüssel im Handschuhfach, mit Startknopf. Blinker, Scheibenwischer, Autoradio: Alles immer wieder wo anders; ein gewisses Know-how in Sachen Auto schadet also nicht und Flexibilität ist unabdingbar. Tatsächlich musste ich auch schon einen Freund anrufen, wie man denn so ein halbautomatisches Smart-Ding überhaupt zum Laufen bringen soll und letzthin fragte ich mich (ehrlicherweise: den Auswanderluchs), wie man eigentlich ein Auto ohne Zündschlüssel wieder ausmacht. Peinlich, ich weiss.
Mobility – was kostet’s?
Um bei Mobility dabei zu sein, muss man ein Abo haben. Dieses kriegt man bereits ab CHF 129.- pro Jahr (oder vorerst für CHF 43.- während vier Monaten als Testabo). Wenn’s gefällt, besteht die Möglichkeit, mit der Bezahlung eines einmaligen Betrages über CHF 1’000.- (plus Einschreibegebühr von CHF 250.-) Genossenschafter/in zu werden und nie mehr Abogebühren bezahlen zu müssen. So oder so fallen Kosten pro Fahrt an und zwar basierend auf der Mietzeit (CHF 2.- / Stunde) und der Fahrstrecke (CHF 0.55 / km).
Wer nun denkt, das sei zu teuer, dem möchte ich hier ein Beispiel nennen: Als ich noch in der Stadt Zürich wohnte und monatlich vielleicht zweimal meine Eltern besuchte (20 km von meinem Wohnort entfernt) plus einmal irgendeinen anderen Ausflug mit dem Auto machte, kostete mich das vielleicht CHF 150.- im Monat. Nachdem mich früher nur schon der Tiefgaragenplatz CHF 200.-/Monat kostete, brauche ich den Rest der Kosten (das Auto selbst, Abnutzung, Service, Reifen, Versicherungen, Strassenverkehrsabgabe etc.) gar nicht mehr vorrechnen; finanziell ist Mobility wohl sehr oft die deutlich bessere Variante, als ein eigenes Auto.
Und die nichtmonetären Kosten?
Aus eigener Erfahrung kann ich berichten, dass es mich erstaunlicherweise keinen einzigen Zacken aus der Krone gekostet hat, kein eigenes Auto mehr zu haben. Auch wurde ich – wider Erwarten – nie deswegen (wissentlich) verhöhnt, ich glaube, ich hatte nicht einmal eine Einbusse in meinem „Status“… 😉 Mobility wurde in den letzten Jahren so normal, wie mit den ÖV unterwegs sein – was ja in der Schweiz ebenfalls keinerlei Prestigeeinbusse mit sich bringt, im Gegenteil.
Vorteile von Mobility
Was ich wirklich, wirklich, wirklich geschätzt habe mit Mobility: Ich musste kein Auto mehr versorgen! Nicht in den kleinen oder grossen Service bringen, nicht Reifen wechseln lassen, nicht die Rücklicht-Birne ersetzen lassen, nicht aussaugen oder waschen oder irgendwie pflegen – herrlich. Ich wollte bald gar nichts anderes mehr als genau diese flexible Art von Mobilität bis…
…der Deutsche kam
Als der Auswanderluchs in die Schweiz kam, musste auf dem schnellsten Weg eine Karre her, war ja klar. Er fand Mobility zwar auch gut, aaaaber… 😉 Nein, im Ernst, er brauchte den Wagen für die Fahrt zur Arbeit. Für mich war aber klar: Alles, was mit dem Auto zu tun hat, soll weiterhin nichts mit mir zu tun haben; ich wollte mich nicht mehr um Reifen und Service und Versicherungen kümmern.
War und ist aber kein Problem, denn er macht das ja gerne. Und: Seit eine meiner Freundinnen den fast nigelnagelneuen Van mit Benzin statt Diesel betankt hat, kriege ich nicht mal mehr zu hören „du könntest ja auch mal tanken gehen?!“, denn seine Angst, dass mir derselbe Fauxpas passieren könnte, ist riesig… Ich danke an dieser Stelle meiner Freundin, dass sie mich nun auch noch vor diesem letzten Auto-Mühsal gerettet hat.
Meine Mobility-Situation heute
Obwohl ich wieder – wie es sich gehört für mit Deutschen im Haushalt – über ein eigenes Gefährt verfüge, bin ich weiterhin bei Mobility, nun sogar als Genossenschafterin. Gerade kürzlich war ich beispielsweise froh darum, als der Auswanderluchs zum schlechtesten Moment unseren Wagen zum Reifenwechseln gebracht hatte…
Und zu guter Letzt erzähle ich euch noch ein Geheimnis: Der Auswanderluchs selber ist ebenfalls Genossenschafter bei Mobility! Das hat er euch in seinen Videos bestimmt noch nicht erzählt, gälled? Gehört sich ja auch nicht für einen Deutschen, der von sämtlichen Bekannten eher Automarke, Typ und Ausstattung kennt als deren Augenfarbe, deshalb: Psssst! 😉
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One Response
Hallo Tensha,
ein wunderbarer Bericht über etwas „das Sinn macht“ und auch von uns „wegen der Fahrweise der Lenker*innen“ immer noch belächelt wird .. 😉
Gruss Mike