„Berlin vermisse ich gar nicht“ – In die Schweiz ausgewandert🇨🇭🏞

Die steigenden Preise und eine immer schwieriger werdende berufliche Situation als Pflegekraft in Deutschland sowie die Sehnsucht nach den Bergen haben Sabine dazu bewogen, zusammen mit ihren zwei Kindern von Berlin nach Basel zu ziehen.
Sabine, möchtest du dich kurz vorstellen?
Ich heisse Sabine, bin 49 Jahre alt, im Juli 2022 in die Schweiz ausgewandert und nach Basel gezogen.
Vermisst du Deutschland?
Ich komme aus Berlin. Berlin vermisse ich gar nicht.
Deutschland und Frankreich sind nun in direkter Nähe. Ich gehe gerne dort einkaufen und Essen. Ich liebe die Entspanntheit und die Ruhe, die Basel und die Menschen hier ausstrahlen – anders als im „gestressten Berlin“.
Weshalb bist du in die Schweiz ausgewandert?
Es gab sehr viele Gründe, die ich gern kurz aufzähle:
Es kam eine Impfpflicht für das Pflegepersonal ins Gespräch, die ich nicht nachvollziehen konnte.
Meine Arbeit auf der ITS in Berlin war sehr anstrengend. Ich kam oft erschöpft nach Hause und habe danach zu viel geschlafen. Meine Kinder kamen deutlich zu kurz. Ich bin alleinerziehend. Zusätzlich war ich nebenbei noch selbstständig im eigenen Haus als Heilpraktikerin tätig. Ich hatte keinen Abstand zwischen Patiententerminen und Feierabend. Ich konnte nicht mehr entspannen.

Die Lebenskosten erhöhten sich rasant, ich hatte Angst, das Haus nicht mehr unterhalten zu können. Ich wollte es gern verkaufen.
Seit Jahren kam ich aus dem Urlaub zurück und hatte Fernweh zurück in die Berge.
Mit meiner Auswanderung erfüllte ich mir einen Traum und habe ich zum ersten Mal wirklich für meine Bedürfnisse eingestanden, unabhängig davon, was andere davon dachten.
Du arbeitest als Pflegefachkraft. Wie lief die Einstellung ab?
In der Schweiz war es ganz einfach: Ich schnupperte zwei Tage, einen in der Uniklinik, einen in einer katholischen Einrichtung. Ich hätte in beiden Kliniken anfangen können. Ausgebildetes Intensivpflegepersonal wird dringend gesucht. Nach dem Schnuppertag gab es ein Gespräch und auch über das Gehalt wurde gesprochen.
Es war April 2022. Die Zusage machte ich für den 1. August. Das war sehr sportlich. Ich hatte drei Monate, um den Vater zu überzeugen, dass es gut ist, wenn seine Töchter mit mir in der Schweiz leben und um das Haus zu „entmisten“ und zu verkaufen sowie den Umzug zu planen… Ich habe es geschafft 😉
Wie aufwändig war die Wohnungssuche und der ganze Umzug inklusive Anmeldung in der Gemeinde?
Während meiner vier Tage „Schnupperaufenthalt“ in Basel suchte ich parallel schon Wohnungen, schaute mir die Umgebung an und suchte nach geeigneten Schulen. Ich bewarb mich auf drei Wohnungen, schaute mir gleich zwei an und hätte beide haben können. Da die Schulplätze nach Einzugsgebiet vergeben werden, musste es aber Wohnung drei werden. Diese bekam ich auch und den Makler gleich dazu 😉
Gab es zu Beginn Probleme, weil du das Schweizerdeutsch der Patienten und Kollegen nicht verstanden hast?
Oh ja, ich bin Ur-Berlinerin (spreche klares Hochdeutsch) und es fiel mir sehr schwer. Ich hatte mit dem „Süden“ noch nicht so viel Erfahrung, ausser in meinen Urlauben. Meine Patienten waren aber alle sehr verständnisvoll und lehrten mich einiges. Wir hatten viel Spass zusammen.
Ein Patient erklärte mir zum Beispiel, dass die Hausschuhe in der Schweiz „Finken“ heissen.

Beim nächsten Patienten war ich ganz stolz und wollte ihn in den Stuhl mobilisieren und fragte, ob er seine „Falken“ haben möchte. Er schaute mich ganz erstaunt an und verstand MICH nicht. Lachend meinte ich, das ist ja unglaublich, da lerne ich gerade Schweizerdeutsch und sie wissen nicht was „Falken“ sind? Er meinte dann ebenfalls lachend: Falken nicht, aber Finken schon…Oh wei! Ich erwiderte: Ach Mist, ich wusste es doch: Irgend so ein Vogel mit F! 😉
80 Prozent meiner KollegInnen kommen aus Deutschland, viele davon aus der ehemaligen DDR. Mit meinen KollegInnen gab es daher sprachlich kaum Schwierigkeiten. Mit den ÄrztInnen war es komplizierter bei Verordnungen. Ich musste viel nachfragen oder darum bitten, dass sie mit mir Hochdeutschs sprechen.
Ich hörte viel Schweizer Radio, Schweizer Musikinterpreten wie Hecht, Kunz etc. und sah Werbung oder Sendungen im TV – ich lernte schnell zu verstehen.
Nach nur 5 Monaten verstehe ich die Nachrichten im Radio und Unterhaltungen auf der Strasse und fühle mich im Allgemeinen sicherer, auch wenn ich mit dem Team zur Reanimation laufe.
Von Pflegefachkräften und Ärzten höre ich, dass ihnen der Job hier in der Schweiz mehr Freude bereitet als in Deutschland. Woran liegt das?
Es liegt an der Verantwortung. Die Pflege hat hier einen viel grösseren Stellenwert, als in Deutschland. Der Arzt in der Schweiz ist viel im Hintergrund, bespricht sich mit der Pflege und verordnet gemeinsam nach Absprache. Hier in der Schweiz übernimmt die Pflege viel mehr ärztliche Tätigkeiten, worum sich in Deutschland der Arzt kümmert:
Patientenverlegungen, Transporte, Blutprodukte bestellen und verabreichen sowie spezielle Messungen am Patienten gehören in der Schweiz in die Hand der Pflege. Den Umgang mit dem Tod erlebe ich in der Schweiz auch viel entspannter. Hier wird über die Möglichkeiten der Behandlung gesprochen, was sinnvoll ist und wo die Grenzen erreicht sind. Der Tod wird akzeptiert und es wird darüber gesprochen. In Deutschland wird bis aufs Letzte versucht, ihn zu „besiegen“.
„In der Schweiz ist alles teurer“, sagen viele in Deutschland und meinen damit, dass sich eine Auswanderung finanziell nicht lohnt. Wie siehst du das?
Im direkten Vergleich, finde ich nicht, dass die Schweiz viel teurer ist als Deutschland.
Ich sehe wohl ein, dass es gerade am Anfang wichtig ist, etwas Kapital im Rücken zu haben. Es gibt keine monatlichen Teilzahlungen oder Lastschrifteinzugsverfahren (Anm.: bei Smile sind monatliche Zahlungen möglich). Ich musste anfangs alle Versicherungen und die Krankenkasse für drei Personen rückwirkend und aktuell auf einmal zahlen.
Das war eine ganz grosse Summe, die nur mit dem aktuellen Gehalt, kaum leistbar gewesen wäre – besonders für mich als Alleinerziehende. Mir war auch nicht klar, dass es in der Schweiz keinen Dispokredit gibt und ich irgendwann nichts mehr von meinem Schweizer Konto abheben konnte…
Ansonsten ist die Schweiz sehr schön 😉 Und nun pendelt es sich auch langsam auf meinem Konto ein.
Was gefällt dir in der Schweiz besonders?
Die Ruhe, die diese Menschen umgibt. Es ist einfach entspannt und rücksichtsvoll. Bisher habe ich noch keinen vergessenen Hundehaufen entdeckt. In Berlin ist die Stadt übersäht davon…
Ich mag das Müllsystem. Das Markensystem ist genial. Ich bezahle, wenn ich Müll rausstelle, aber wenn ich im Urlaub bin, nicht. Der Müll und wie er entsorgt wird, liegt in der Verantwortung der Endverbraucher. Um am grauen/blauen Müllsack zu sparen, entsorge ich meine Flaschen in den Containern, die Pappe lege ich gebündelt, kostenlos und rechtzeitig (!!) auf die Strasse und ich nutze die kostenlosen Kompostvorrichtungen. Genial!
Weitere Pluspunkte:
- Gemeinsames Waschen mit einer Waschmaschine und einem Tumbler mit neun Mietern im Haus.
- Der Service, ob am Telefon oder in der Behörde. Es fühlt sich an wie Deutschland in den 90er Jahren.
- Das Essen wird sehr wertgeschätzt und es wird darauf geachtet, dass jeder gegessen hat.
- Die Nähe zu den Bergen und nach Frankreich; es ist ein Katzensprung.
- Und natürlich: das Rheinschwimmen mit meinem Wickelfisch!!!!!!!
Gibt es auch etwas, was dir nicht so gefällt?
Ja, das ist aber nicht viel; bspw. die Zeit, die ich für die Verschnürung der Papp-Päckchen brauche – da lobe ich mir eine Papiertonne. 😉
Was empfiehlst du Leuten, die über eine Auswanderung nachdenken?
Ich würde ihnen empfehlen, immer auf ihr Gefühl zu hören. Bei mir war das Gefühl, als ich am Rhein gegenüber vom Basler Münster sass, so stark, dass ich es machen musste! Genau dieses Gefühl hat mich angetrieben, all die Anstrengungen in Berlin durchzuhalten, um genau hier zu sein, wo ich gerade bin.
Man darf nicht annehmen, dass eine Auswanderung bedeutet, keine Probleme mehr zu haben. Man nimmt sich mit. Aber: Du erlebst andere Dinge. Du darfst nicht vergleichen. Du musst offen sein für Veränderungen, für die Kultur und die Menschen des neuen Landes.
Wer das kann, sollte über den deutschen Tellerrand gucken und wird es nicht bereuen.
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